Seeadler (lat. Haliaeëtus albicilla, norw. Havørn)
Seeadler als Art
Der Seeadler ist der größte lebende Greifvogel Nord- und Mitteleuropas. Als Höchstgewicht sind 8 kg nachgewiesen. Als größte Flügelspannweite wurden 2,65 Meter gemessen. Die Weibchen sind signifikant größer als die Männchen (rund 2 kg mehr), große Männchen können jedoch so groß sein wie kleine Weibchen.
Ein geschlechtsreifer Seeadler hat ein helles, graubraun schattiertes Federkleid, mit den hellsten Partien an Kopf und Hals und den dunkelsten auf der Unterseite. Der Schwanz ist weiß, der sehr große Schnabel gelbweiß. Das erste Federkleid ist dunkel und überwiegend braun, die großen Federn an den Flügeln sind schwarzbraun, Kopf und Schnabel sind dunkel. Ober- und Unterseite sind gleichmäßig gemustert (kleine punktartige Flecken). Schwanz und Flügelunterseite sind zum Teil gelbweiß.
Die Jungvögel haben einen ebenso großen Körper wie ausgewachsene Seeadler. Flügel- und Schwanzfedern sind jedoch länger, und so erscheinen Jungvögel beim Flug größer. In den folgenden zwei Jahren hat der Seeadler ebenfalls eine dunklere, bräunliche Färbung, jedoch mit einem großen Anteil punktartiger weißer Flecken. 4-5 Jahre alte Vögel verändern ihr Federkleid allmählich vom Jungvogel zum ausgewachsenen Seeadler und sind geschlechtsreif, auch wenn sie oft nicht gleich brüten.
Wanderungen
Der Seeadler ist ein Standvogel, doch die Jungvögel streifen die ersten 3-4 Jahre viel umher. Sie sammeln sich dann oft in ziemlich großen Scharen, in Bodø wurden bis zu 80 Individuen gezählt. Wandernde Jungvögel aus Norwegen wurden sogar in den Niederlanden registriert. Seeadler aus Schweden, Finnland und den baltischen Staaten überwintern an der norwegischen Küste.
Nahrung
Der Seeadler ist mehr mit Geiern verwandt als mit den anderen Greifvögeln Nordeuropas und erinnert auch im Verhalten und Aussehen stark an diese Gattung. In neueren Untersuchungen wurde festgestellt, dass die meisten Seeadler sich zu mindestens 80-90 % von Fisch ernähren. Außer Fischen stehen See- und Wasservögel und je nach Jahreszeit auch Aas auf dem Speisezettel der Seeadler.
Vieles deutet darauf hin, dass Seeadler weit weniger jagen, als bisher angenommen wurde, und dass vielleicht der größte Teil ihrer Nahrung aus Aas besteht, anderen Tieren abgenommen oder von anderen Lebewesen zurückgelassen wurde. Seeadler machen sich oft „gute Helfer" zunutze: zum Beispiel Fischotter, die etwas gefangen haben und nicht gleich auffressen, Möwen und andere Vögel, an deren Beute Seeadler teilhaben können, Menschen, die unverwertbare Fische und Fischabfall wegwerfen.
Der Tagesbedarf eines ausgewachsenen Seeadlers liegt bei rund 300 Gramm verdaute Nahrung. Bei einer Mahlzeit werden normalerweise 500-1000 Gramm verspeist, manchmal auch das Doppelte. Dies bedeutet, dass ein ausgewachsener Seeadler gewöhnlich jeden zweiten oder dritten Tag Nahrung zu sich nimmt. Heranwachsende Junge brauchen etwas mehr Futter.
Seeadler sind keine „Transportflieger". Sie können nachweislich mit einer Beute von gut drei Kilogramm abheben. Meist unterbleibt jedoch ein Flugversuch bei einer Beute von mehr als zwei Kilogramm.
Brutplätze
Wo dies möglich ist, bauen Seeadler ihr Horst in Bäumen, und zwar vorzugsweise in Kiefern oder sonst in Espen oder Birken. Sind keine hohen Bäume vorhanden, wird der Horst am Fuß eines Baumes in steil abfallendem Gelände angelegt.
In baumlosen Gebieten sind hoch gelegene Felsnischen und Felssimse aktuelle Standorte. Im „Notfall" muss der Horst auf dem Erdboden, an einem Felshang, auf einer Anhöhe oder einer anderen ebenen Fläche platziert werden.
Der Horst wird oft von mehreren Generationen über Jahrhunderte genutzt. Er wird aus Ästen und Zweigen gebaut, die mit Torf, Moos und Gras ausgekleidet werden. Nicht selten wird Jahr für Jahr weitergebaut - bis zu einer Höhe von 5 Metern und einem Gewicht von 1,5 bis 2 Tonnen. Auf dem Boden und auf Felssimsen kann der Horst auch nur aus Moos und Gras bestehen.
Seeadlerpaare verbringen das ganze Jahr zusammen, und die Beziehung bleibt auch normalerweise das ganze Leben bestehen. In neuen Gebieten finden die Seeadler im Alter von 4 bis 5 Jahren zueinander, einige wenige jedoch auch schon mit 3 Jahren und andere erst mit 6 Jahren oder darüber. Wenn der Partner bzw. die Partnerin stirbt, sucht die oder der Überlebende sich meist recht bald einen jüngeren Seeadler (4-6 Jahre alt).
Ein neues Paar in einem neuen Brutgebiet baut oft erst im zweiten Jahr einen Horst, und die ersten Jungen kommen erst im vierten Jahr. Nach einem Partnerwechsel kann dies schon im ersten Jahr geschehen.
Seeadler legen meist 2 oder 3 Eier. Ausnahmsweise können zwei Weibchen ein Männchen haben und ihre Eier in denselben Horst oder in zwei verschiedene Horste legen. Jedes Jahr hat nur die Hälfte der Seeadlerpaare Bruterfolg.
Seeadlerjunge
Die neugeborenen Seeadler haben helle Daunenfedern, die sich bald graubraun färben und einem dichten Teddybärenpelz ähneln. Das normale Federkleid entwickelt sich im Alter von 4-8 Wochen. Die Jungen sind nach 10-12 Wochen flügge, und zwar zuerst die Männchen.
In knapp der Hälfte der besetzten Horste werden zwei Junge groß, in seltenen Fällen auch drei. Die Jungen werden bis weit in den Herbst hinein gefüttert. Einige bleiben den Winter über bei ihren Eltern. Brütende Seeadler akzeptieren oft einjährige Jungvögel im Brutgebiet, und diese dürfen manchmal sogar auf Horstbesuch kommen.
Für den Menschen sind Seeadler schon seit alten Zeiten bedeutsame Vögel, sie gelten als Symbol für Stärke und Wachsamkeit. In vielen Kulturen nehmen Seeadler einen wichtigen Platz ein und sind auf Wappen, Fahnen und anderen Emblemen zu finden.
In unserer Zeit galten Seeadler in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets als schädlich und wurden wie andere Greifvögel und Raubtiere verfolgt. Dies führte dazu, dass diese Tierart in vielen Ländern ganz ausgerottet oder der Bestand stark dezimiert wurde.
Umweltgifte, Unruhe und andere Gefahren
In bestimmten Teilen des Verbreitungsgebiets sind Seeadler auch den vom Menschen verursachten Umweltbelastungen ausgesetzt. Dies hat zu erhöhter Sterblichkeit und verminderter Reproduktion geführt. In den meisten Ländern wurden Seeadler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Artenschutz gestellt, in Norwegen allerdings erst 1968.
Wenn Seeadler die Wahl haben, ziehen sie es vor, sich in reichlicher Entfernung von Menschen niederzulassen, und wählen einen von Menschen ungestörten Horststandort.
Personen, die in die Nähe des Horstes kommen, können zu einem erheblichen Problem für brütende Seeadler werden, und die Gefahr eines Misserfolgs des Brutpaares wird mindestens verdoppelt. Ein Mehr an menschlichen Aktivitäten in der Nähe der Brutplätze stellt daher auf längere Sicht eine allgemeine Bedrohung des Seeadlerbestandes dar.
Weitere Informationen über Seeadler ...
... finden Sie auf den Webseiten des Norwegischen Ornithologischen Vereins (Norsk Ornitologisk Forening).